Marek Kêdzierski

Variations Literaturzeitschrift der Universität Zürich Nr. 3/1999, Peter Lang Zürich 1999

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Marek Kedzierski , polnischer Herkunft, Autor mehrerer Romane und Regisseur.

Er übersetzte Werke von Samuel Beckett, Thomas Bernhard, David Mamet, Robert Pinget

und Gilles Deleuze ins Polnisch. Aus dem Polnischen wird er von Martine Müller übertragen.

Der Roman, dem die hier zum ersten Mal auf Deutsch publizierten Passagen entnommen sind, erschien 1997 unter dem Titel bez miary im Verlag Oficyna Literacka, Krakau. Copyrights: Marek Kedzierski

 

Marek Kedzierski
masslos

Als ich der Welt des Wortes den Rücken kehrte, um mich der des Bildes zu widmen, so war es nicht ohne einen bitteren Geschmack. Es ist wahr, ich hatte damals alle meine Ansprüche auf die Welt, sowie alle meine Ansprüche auf das Wort, also : alle meine Ansprüche auf das Wort, aufgegeben, aufgeben müssen, wenn auch nur zwischenzeitlich, wie ich hoffte, auch wenn endgültig, wie ich befürchtete, ja, endgültig und unwiderruflich, wie ich wußte, leider Gottes endgültig, aber dann Gott sei Dank unwiderruflich, alle meine literarische Ansprüche fallenlassen mußte, alle Ansprüche auf Literatur, wie ich sie verstand, nein, die Literatur, auf die ich, wie auch Adam, seit eh und je, Anspruch erhob, die einzige Art Literatur, der ich je meine Ansprüche stellen konnte, die Art, zu der Adam schliesslich wiederkehren wollte (eigentlich ohne sie je verlassen zu haben), ohne jegliche Bedingungen zu stellen und mit unbegrentztem Vertrauen, sozusagen ohne die Grenzen festzusetzen (um sie dann erst zu verschieben, dann ausdehnen, und schließlich überschreiten), kompromislos, unnachgiebieg, um sich dieser Literatur zu widmen, mehr, zu opfern, unnachsichtig, dieser Literatur, der er sich sofort gänzlich verbunden fühlte, sofort und bedingungslos, wie ein Kind, bloßgestellt. Es ist wahr, da gab es einen bitteren Beigeschmack, einen monströsen, einen monströs bitteren Beigeschmack, zur Zeit der Opfergabe. Denn, zu dieser Zeit, hielt ich diese Tatsache, das Aufgeben aller möglichen Ansprüche auf Literatur, wie ich sie verstand, wie auch Adam, wie Adam sie noch heute versteht, dachte ich, als eine monströse Opfergabe, einen unerhörten persönlichen Tribut, den ich zu dieser Zeit zu zahlen hatte, den ich mir selbst auferlegt hatte, mir auferlegen ließ, diese hohe Literatur, holde Literatur, auf die ich, wie auch Adam, seit eh und je den Anspruch stellte, mit jeglicher Literatur anderer Art nicht einverstanden, nicht bereit, die Ansprüche herabzusetzen, nein, herunterzuschrauben, ließ es dieser hohen Literatur, deren Geschmack ich meine ganze Jugend hindurch allzugut kannte, wenn auch nicht sofort für einzigartig hielt, wie Adam, ja, wie Adam, denn letzten Endes beide hielten wir diese Literatur für einzigartig, mit dem Unterschied, daß Adam, in Unterschied zu mir, nie aufgegeben hatte, kein einziges Mal, diese Art Literatur nie fallen gelassen hatte, denn Adam dieser Literatur nie den Rücken kehrte, wie ich ihr den Rücken kehrte, als ich mich der Fotografie widmete, also als er dert Welt den Rücken kehrte, als er es nicht für nötig hielt, sich irgend etwas anderen als Fotografie zu widmen, als ich mich gänzlich, wenn auch nicht ohne Vorbehalte, der Fotografie widmete, also der Literatur den Rücken kehrte, dieser Literatur, wie ich sie verstand, und das heißt genauso radikal wie Adam, damals, als wir beide uns - und gleichermassen ihr - die höchsten literarischen Ansprüche stellten. Dieser Literatur ist Adam, trotz allem, treugeblieben, im Gegensatz zu mir, wie ich heute sagen muß, seiner Überzeugung treu, was ich jetzt endlich verstehe, erst jetzt, völlig, jetzt als ich selbst meiner Überzeugung nich treu geblieben bin, untreu werden mußte, wenn auch nur aus dem einfachen Grund, daß ich mich verweigerte, der drohenden Krankheit Opfern zu fallen. Ich wollte mich retten, und mußte mich gegen diese Literatur wehren, und während ich mich gegen diese Literatur wehrte, kam Adam zu seiner Überzeugung, sprich: seiner Enscheidung, in Cambridge zu bleiben, um dort die Literatur, diese Literatur, gegen die ich mich wehren mußte, zu betreiben, ausschliesslich, um sie ausschliesslich zu betreiben, ihr treu zu bleiben, absolut treu, der Literatur, so wie wir sie, beide, seit eh und je, verstanden hatten, so wie wir sie ernst genommen hatten, er und ich, mit dem Unterschied, daß ich sie zu dieser Zeit, also zu einem Zeitpunkt, den ich damals für einen entscheidenden hielt, sie aufgab, um mich dann der Fotografie zu widmen, während er sie nie aufgab, um sie in Cambrige weiterzutreiben, bis zum Äußersten, bis zum bitteren Ende. Erst jetzt sehe ich ein, was für einen Preis ich dafür zu zahlen hatte, jedoch damals schien mir alldies das Äußerste, das einzige Mittel, die letzte Rettung, the remedy, wie die Cambridger sagen.
Während ich die Praxis theoretisierte, in Formen goß, um nicht zu sagen, in Formeln preßte, praktizierte Adam die Theorie, ich meine, er wollte Formeln mit Leben erfüllen; doch als er versuchte, sie mit Leben zu erfüllen, hatte ich, je mehr ich ihn in dieser Zeit beobachtete, umso stärker den Eindruck, daß dies die Formeln des Todes waren. Als Schriftsteller war Adam schnell verloschen. Er hatte das ihm bestimmte Maximum erreicht und war auf der Stelle verbrannt. Er war glorreich aufgelodert und verloschen. Mit einem Schlag. War entflammt und hatte das Maximum erreicht. Den Nullpunkt. Sein Maximum. Bei mir war es anders. Bevor ich verbrannte, hatte ich den Gedanken an das Maximum bereits aufgegeben, auf halbem Wege fallenlassen. Und war umgekehrt. Umgekehrt? War ich tatsächlich umgekehrt? Auf halber Strecke? Wenn ja, dann findet die Wende, wie man sagt, gerade vor meinen Augen statt, dachte ich. Hatte ihn das Schreiben in die Krankheit getrieben? Erst in die Krankheit und dann ins Bett des Cambridger Mount Auburn Hospital? Da liegt er nun, dachte ich, eingebettet in Krankenhauslaken, ideale Sargtücher, wo keine Rolle mehr spielt, ob er einschlafen kann oder nicht. Ja. Um sich möglichst tief in diese Grabesperspektive hineinzuzwingen, war er gezwungen, in diese Grabesperspektive hineinzuschreiben, das Grab in diese Perspektive hineinzuschreiben, eine Perspektive ohne Ausgang, mit dem Grab am Horizont, ja mit dem Grab als Ausgang. Oder umgekehrt: Die Krankheit zum Schreiben, die Krankheit trieb ihn zum Schreiben, zwang ihn zum Schreiben, immer zwanghafter. Obwohl er weniger Papier vollschrieb, mit Worten schwärzte, obwohl immer weniger seiner Feder entströmte, wie man sagt, und selbst wenn mehr seiner Feder entströmte, dann immer unleserlicher, unartikulierter, dann wurden es schließlich Texte, mit denen man nichts anfangen konnte, Texte um Nichts. Ja. Er war ja schreibkrank. Die Krankheit zum Schreiben trieb ihn zum Schreiben, dem wahren, ohne Worte. Und erteilte ihm eine bittere Lehre, war ihm nahezu Einführung ins Leben, ins Leben als Krankheit, das ungeduldige, voller Widerwillen gegen Leben und Tod gleichermaßen, trieb ihn so lange ins Leben, ins Schreiben hinein, bis sie ihn daraus vertrieb, aus solch einem Leben, denn ein anderes hatte er nicht, denn ein anderes haben wir nicht, gab es nie für uns.
Obwohl wir beide ununterbrochen schrieben, waren wir von vornherein gescheiterte Schriftsteller, wobei Adam besser schrieb, ich dafür besser fotografierte. Mit dem Unterschied, daß ich es schaffte, als Schreibender Fotograf zu werden, während (und ich habe genau "während" im Kopf, da dies nämlich fast gleichzeitig geschah) der schreibende Adam das Spiel gegen Adam den Schriftsteller verlor; aber ein solches Spiel mußten der schreibende Adam und der Schriftsteller Adam austragen, früher oder später, wie es all die Größten und die Geringsten austrugen, die schrieben und nicht schrieben und am Ende doch zu schreiben aufhörten. Ich begriff es Gott sei Dank, zum Glück, rechtzeitig - Adam hingegen leider Gottes ziemlich spät, vermutlich zu spät. Ich begriff es und zog die Konsequenz daraus, das heißt, ich hörte auf zu schreiben. Ich wollte keine Vergeltung. Ich hörte auf zu schreiben. Als Konsequenz. Als Konsequenz dessen ich so tief stürzte wie noch nie. Wie nie zuvor. Er hat das nie richtig begriffen, mit solcher Deutlichkeit. Adam der Schriftsteller versuchte sich dagegen zu wehren, die Stirn zu bieten, er schalt den Himmel und fuchtelte mit den Fäusten in der Luft herum. Oder er hat es begriffen, jedoch nicht klar und deutlich genug, und hat nicht versucht, bis zum äußersten durchzuhalten, andererseits aber seinen Widerstand nur halbherzig aufgegeben. Oder der Schriftsteller hat, nachdem er begriffen hatte, die Argumente des Schreibenden nicht zur Kenntnis genommen und die ganze Zeit über getan, als wäre nichts, als sei nichts geschehen, hat sich in seinen Aufzeichnungen vergraben, als habe er nie etwas verstanden, in aller Klarheit begriffen. Er war im Grunde ein unübertrefflicher Beobachter, wie ein Maler, besonders von Landschaften und menschlichen Gesichtern. So wie ich ein Baumeister des Wortes war. Eigentlich hätten wir uns beide vom Wort lossagen müssen, zumal ihm, wenn er gewollt hätte, immer noch die Musik offenstand. Er hatte ja, wie seine Mutter zu ihren Lebzeiten sagte, eine Veranlagung dafür. Stattdessen versuchte er sich weiter an den Worten, begab sich erst in ihre Hand und lieferte sich ihnen aus, auf Gedeih und Verderb, den Worten, die ihn verrieten, verstießen; anstatt sie zu unterwerfen, ergab er sich ihnen, gab auf, ließ sich von ihnen foppen, überlisten, austricksen, um schließlich, ohne die geringsten Skrupel ihrerseits, wenn erst nach hysterischem Ringen seinerseits, von ihnen verlassen zu werden.
Wenn ich nun von Adam spreche, will ich ihn auf keinen Fall an dem messen, was er hinterließ. Ich will ihn auch nicht an mir messen, aber wenn ich von ihm spreche - und ich spreche ja von ihm - muß ich doch sagen, daß er nicht ohne sein Fenster auskam, so wie ich nicht ohne meine Tür auskam; er nicht ohne dieses sein Fenster, ich nicht ohne diese meine Tür. Das war undenkbar. Nein. Unvorstellbar. Ja, es muß gesagt werden: Ohne dieses sein Fenster, ohne diese seine Tür, ohne die einfachen, mit dem Fenster und der Tür verbundenen Handlungen und Vorstellungen kam er nicht aus; ohne - beim Fenster - das Warten auf eine Erscheinung, wie er es nannte, ohne - bei der Tür -die ständige Furcht vor dem Rausschmiß oder die Angst, ein- oder ausgeschlossen zu sein. Er fürchtete das eine wie das andere. Er fürchtete, vor verschlossener Tür zu stehen, draußen zu stehen, was für ihn eine noch grausamere Art des Gefangenseins bedeutete. So wie ich in meinen unruhigen Träumen mit Türen konfrontiert war, die von selbst aufgingen und ins Nichts führten; die sich, obwohl ich es nirgendwohin eilig hatte, von allein öffneten, anstandslos, leicht, ohne den geringsten Laut, ohne den leisesten Windstoß, und mich unwiderruflich in einen Zustand äußerster Unruhe versetzten, aus dem mich nur die Müdigkeit vieler schlafloser Stunden befreien konnte, jedes Mal, wenn sich die Tür vor mir öffnete. Wo immer er schrieb und lebte, kam er nicht aus ohne Fenster und Türen, ohne Aus- und Eingesperrtsein, ohne Rausschmiß und Gefangensein. Die verschlossene Tür, das war Adams Schlüsselsituation. Ich hingegen hatte keine Angst vor der verschlossenen Tür. Ich zitterte nicht wie er bei der Vorstellung der verschlossenen Tür, des Ein- oder Ausgesperrtseins, sondern bei der Vorstellung, vor der offenen Tür zu stehen. Na ja. Nun spreche ich doch von ihm und mir. Er und ich. Ich und er. Ich dies, er das. Ich das, er dies. Ich und er das, ich und er dies. Ich und er bis zum Ekel. Er dies und ich das. Bis zum Umfallen kann ich das wiederholen, indem ich zum Wesentlichen, zur Tür und zum Fenster, das Zweitwesentliche hinzufüge, die Männer und die Frauen, Natur und Stadt, Stille und Lärm, Schweigen und Reden. Jedesmal das gleiche Lied: er dies und ich das, mit einer Stimme, im gleichen Atemzug, in einem Atemzug, atemlos, ohne Luft zu holen, ohne zu atmen. Die Frauen beachteten ihn, mich beachteten sie nicht, ich unterhielt mich angeregt mit den Männern, er nicht. Er schwärmte immerzu für die Natur, ich wiederum für die Stadt. Dabei verführte ihn die Stadt immer wieder, mich stattdessen zog es meist aufs Land. Er ging (letztendlich) in Lärm und Tumult ein, während mich in beschaulicher Stille Agonie befiel. Er fürchtete sich vor Feuer, ich hatte Angst vor Wasser. Ich kann das immer weiter spinnen, mit der Ergänzung, daß ihn die Frauen beachteten und mich die Männer. Und dann fehlt nur noch ein Schritt bis zur Behauptung, daß mich die Männer beachteten, weil ihn die Frauen beachteten. Wenn es stimmt. Und auch wenn es nicht stimmt. Man könnte das ganze noch weiter spinnen: Weil er für die Natur schwärmte, schwärmte ich wiederum für die Stadt. Und sogar behaupten, weil ich für die Stadt schwärmte, schwärmte er wiederum für die Natur. Die Behauptung, daß er für die Natur schwärmte und ich wiederum für die Stadt, möchte ich rasch dadurch ergänzen, daß ihn die Stadt trotzdem immer wieder verführte und daß es mich trotz allem aufs Land zog, und von dort fehlt nicht viel bis zur Behauptung, daß ihn die Stadt anzog, weil er für die Natur schwärmte, und daß es mich aufs Land zog, weil ich wiederum für die Stadt schwärmte. Doch es stimmt, dachte ich: Tatsächlich kam er in seiner Wohnung, die für immer gedacht war, längere Zeit mit dem Einfachsten aus, das Minimum, ein Minimum an Einrichtung und Dingen genügte ihm, während ich in all meine gemieteten Provisorien eine für meine Bedürfnisse ungeheure Menge an Dingen und Einrichtungsgegenständen mitschleppte. Was ihn betraf, herrschte immer Kälte, während es bei mir stets ungesund warm war. Er wusch nie sein Fenster, während meines stets vor Sauberkeit blitzte. Während er seines meist offen ließ, blieb meines jahrelang dicht verschlossen. Am Fenster lauschend, gab er sich begierig dem nächtlichen Schauspiel hin, während ich begierig an der Tür lauschte, mit dem Unterschied, daß er aus Begierde nachts sein Fenster weit öffnete und vielleicht hinaussah, während ich mich nicht ohne Furcht an den Schlitz meiner verschlossenen Tür preßte.